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14/04/2007

Wir brauchen die Beteiligung aller Beschäftigten

Ein Interview mit Klaus Franz zu den Herausforderungen der globalen Strategien von GM im Produktions- und Entwicklungsbereich.

IGM: Welche Strategie verfolgt das EEF bei global Delta und der in diesem Jahr bevorstehenden Entscheidung zur Standortvergabe der Fertigung in 2010?

Klaus Franz: In der Fertigung besteht der Trend bei GM, Überkapazitäten in Ost- und Zentraleuropa bzw. in Mexiko aufzubauen und Standorte in den so genannten "high labor cost countries" zu schließen. Diese Entwicklung kann weder im Interesse der EU und schon gar nicht im Interesse der Beschäftigten sein. Grundsätzlich gilt für uns:
Die Fahrzeuge dort zu produzieren, wo sie auch verkauft werden.
Wir haben dem Management von GM auf allen Ebenen unmissverständlich deutlich gemacht, dass wir nach Azambuja eine weitere Werksschließung mit allen Mitteln verhindern wollen. Unser Vorschlag besteht darin, die Chancen der globalen Architekturen für alle zu nutzen und aus dem Global Delta für Europa ein größeres Stück des Kuchens zu bekommen. Sollte dies nicht ausreichen, so fordern wir, Fahrzeuge anderer Plattformen in den bestehenden Astra Werken zu fertigen.

Wir wollen ein Win-Win Ergebnis für alle Beteiligten erreichen und sind dabei auch zu Zugeständnissen bereit. Eine Werksschließung hätte Verlierer auf allen Seiten. Darüber sind wir uns in ganz Europa einig. Dies muss in einem europäischen Zukunftsvertrag geregelt werden.

IGM:Und was ist mit dem Rest der Welt?

Klaus Franz: Die globale Automobilwelt bedarf der konsequenten Internationalisierung der Arbeitnehmervertretung. Hier sind wir bei GME sehr gut aufgestellt. Es ist heute weder in der Fertigung noch im Engineering ausreichend, nur Europa zu betrachten. Wir bauen derzeit ein weltweites Netzwerk der Arbeitnehmervertretungen und Gewerkschaften in der GM Welt aus.
IGM:GM will die westeuropäischen Produktionsstätten nach Osten verlagern. Glaubst du, diesem Trend werden auch Entwicklungstätigkeiten folgen; wenn ja, welche?

Klaus Franz: Die Entwicklungszentren haben derzeit keine Überkapazitäten sondern eine enorme Leistungsverdichtung und Mehrarbeit. GME will "einfache" Entwicklungsarbeiten nach Osten oder Fernost verlagern. Mit einem gewissen Zeitversatz stehen wir dann beschäftigungspolitisch vor der gleichen Situation wie in den Werken. Westeuropa wird nicht zukunftsfähig sein, wenn nur sehr hoch qualifizierte Tätigkeiten hier bleiben. Deshalb sind in Zukunftsverträge zur Beschäftigungssicherung immer die Kolleginnen und Kollegen der Entwicklungszentren eingeschlossen. Dies wird an Bedeutung gewinnen.

IGM:Im Entwicklungszentrum erleben die Beschäftigten, dass die globale Plattformstrategie auch im Zusammenhang mit der jetzt zu etablierenden BOM Family Ownership dazu führt, dass der Schwerpunkt der Entwicklung nicht in der technisch besten Lösung liegt, sondern die Abstimmung mit Partnern aus anderen GM Divisions höchste Priorität hat. Dadurch gehen bei uns wichtige Erfahrungen verloren. Wie siehst du das?

Klaus Franz: Ja, das ist ein Trend, der nicht im Interesse der Beschäftigten sein kann aber auch nicht im Interesse des Managements. Es gibt Engineering Leistungen, die wir in Europa technisch besser beherrschen als anderswo auf der Welt. Unsere Aufgabe ist es, diesen Qualitätsstandard zu sichern und auszubauen. Die regionale Entwicklungsexpertise, sprich die technisch anspruchsvollere Lösung muss sich mehr durchsetzen. Schon einmal, 1993 und in den folgenden Jahren wurde dies unter GMIO verletzt, mit der dramatisch negativen Folge, dass Opel kurz vor dem Abgrund stand. Deshalb setzt sich der Betriebsrat dafür ein, dass mindestens 35 % der qualitativ hochwertigen BOM Family Owners in das Entwicklungszentrum in Europa kommen müssen. Dementsprechend müssen neue Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen eingestellt werden.

IGM:Welche Auswirkungen hätte deiner Meinung nach ein Zusammengehen von Chrysler und GM auf die Entwicklungszentren?

Klaus Franz: Die Firma Chrysler, die wegen des falschen Produktportfolios unter enormen Absatzproblemen leidet, verfügt über ein vollwertiges Entwicklungszentrum. Eine Übernahme führt zu einer Überkapazität im Engineering und damit zu direkter Arbeitsplatzbedrohung hier in Rüsselsheim. Ein Kauf von Chrysler verschlingt mehrere Milliarden Dollar, was zur Folge haben wird, dass Projekte verschoben oder gar gestrichen werden müssen. Die Auswirkungen für alle Marken unter dem Dach von GM sind fatal.

IGM:Die globale Plattform führt dazu, dass die Bindung des Engineering an die Marke Opel mehr und mehr verloren geht. Siehst du darin ein Problem?

Klaus Franz: Das ist ein großes Problem, denn leider setzt es sich immer mehr in der globalen Engineering Organisation durch, dass für Plattformen und nicht für Marken entwickelt wird. Wir müssen aber Marken vom Produkt, von der Technologie her differenzieren und das nicht nur verbal. Dies fängt in der Konstruktion an. Auch im Engineering muss auf die Bedürfnisse der Kunden hin entwickelt werden. So sollte Chevrolet wenige, einfache Motoren und Technologie haben, Opel dagegen eine umweltverträgliche Turbo Marke werden.

IGM:WelcherStellenwert wird dem europäischen Engineering im GM-Verbund zugemessen?

Klaus Franz: Wir haben einen großen Stellenwert. Mit den beiden Home Rooms sind wir gut aufgestellt und beschreiben auch für die Welt Entwicklungsprozesse als Template. Große Sorge macht mir, dass die Small Car Verantwortung in Korea ist. Ich gehe immer noch davon aus, dass wir hier die größte Kompetenz in der Welt haben. Die Auseinandersetzung muss um die beste technische Lösung gehen. Das heißt aber auch, es darf keinen Machtkampf zwischen den Entwicklungszentren weltweit geben. Hier müssen alle in der Organisation ihre Stimme erheben.

IGM:Durch die globale Ausrichtung von GM wird die funktionale Matrix Organisation immer komplexer. Welche Chancen ergeben sich aus dieser Organisationsstruktur und welche Risiken siehst du für die Beschäftigten?

Klaus Franz: Es gibt keine Alternative zur globalen Plattform Organisation. Hier vermisse ich jedoch einen stärkeren Einfluss der Regionen. In der funktionalen Organisation werden vom Management Vorgaben gemacht ohne die Workload bzw. deren Verteilung ausreichend zu berücksichtigen. Ein derartiger Prozess lässt sich nicht von heute auf morgen umsetzen. Die Menschen brauchen die Zeit, die Ressourcen und das Verständnis dazu. Ihre persönlichen Interessen dürfen nicht unter den Tisch fallen (z.B. Eingruppierung, Leistungsbewertung, Urlaubsplanung). Das vom Management vorgegebene RASI-Chart, in dem diese Verantwortlichkeiten festgelegt sind, ist so nicht umsetzbar und deshalb in die European Engineering Work Group zur Überarbeitung eingebracht worden.

Es ist nicht zu akzeptieren, dass es einige Globalisierungs- Gewinner und viel mehr -Verlierer gibt. Die Leader 1 müssen nach meiner Meinung - auch finanziell-, an der Ausführung der Leader 2 gemessen und in die Verantwortung genommen werden. Dies gilt natürlich auch umgekehrt.

Ich wünsche mir, dass die Beschäftigten auf allen Ebenen der Organisation gerade nach der Restrukturierung mit mehr Selbstbewusstsein auftreten und ihr Können in die Waagschale werfen. Ich erwarte, dass dabei das Top Management die Menschen unterstützt. Denn nur durch die Tatsache, dass jemand in der funktionalen Organisation auf einer hierarchisch höheren Stelle sitzt, macht ihn noch lange nicht zum besseren Ingenieur.

IGM:Welche Wünsche und Erwartungen hast du als Vorsitzender des Euro-BR an die Beschäftigten im Engineering?

Klaus Franz: Das Management agiert europäisch und global und baut alle Strukturen sowohl in der Fertigung als auch im Engineering entsprechend auf. Wenn wir von Arbeitnehmerseite weiterhin mitgestalten wollen, müssen wir uns ebenso organisieren. Das europäische Arbeitnehmer-Netzwerk und das EEF in der jetzigen Form sind ohne die europäische Metallgewerkschaft und die IG Metall nicht möglich.

Für die Durchsetzung eines europäischen Zukunftsvertrages und zur Stärkung der europäischen Strategie - uns nicht gegeneinander ausspielen zu lassen - brauchen wir die Beteiligung aller Beschäftigten, vor allem auch die der Kolleginnen und Kollegen aus Engineering und Powertrain. Wir sind eine Belegschaft und können nur erfolgreich sein, wenn wir alle zusammenhalten.

Dieses Interview führte die IG Metall mit Klaus Franz, Vorsitzender des Europäischen Betriebsrats von Genral Motors (GM), zu den aktuellen Entwicklungen bei GM. Abgedruckt wurde dies im NewsletterEngineering Europe (besser bekannt als ITEZ) und Powertrain

Das Interview als PDF:

Newsletter-9-itz-apr-07 : 34.66 kB

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